Es gibt Wege im Familienleben, die sind geradezu gepflastert mit Hürden. Manchmal kleine Stolpersteine, manchmal riesige Brocken, die einem die Luft nehmen. Unser Weg zur Legasthenie-Diagnose bei Kind Nummer 3 war so einer – voller Probleme, Umwege und Momente, in denen wir dachten: Was machen wir jetzt?
Und trotzdem war es dieser Weg, der uns gezeigt hat, wie wichtig Durchhaltevermögen, Bauchgefühl und gegenseitige Unterstützung sind.
Erste Anzeichen und unsere Erfahrungen in Norwegen
Nachdem wir die Diagnostik zur Legasthenie bei Kind Nr.2 in Norwegen schon durch hatten und uns über mögliche Symptome nun bewusst waren, fielen uns bei Kind Nr.3 schon im Kindergarten Besonderheiten auf.Viele Besonderheiten und Eigenarten, hatten dann noch mal ganz andere Ursachen, wie wir später noch extra berichten. Viele Besonderheiten und Eigenarten hatten später noch ganz andere Ursachen, über die wir in einem eigenen Beitrag berichten werden. Doch die Hinweise in Bezug auf Legasthenie waren diesmal schon sehr früh deutlich:
- Unser Kind mochte es nie, Bücher anzuschauen.
- Vorlesen war immer mit Widerstand verbunden – besonders dann, wenn es gleichzeitig ins Buch schauen sollte.
- Später erklärte es uns, die Buchstaben würden für es „tanzen und springen“.
- Auch das übliche Interesse am Schreiben des eigenen Namens, das bei den meisten Kindergartenkindern irgendwann aufkommt, fehlte komplett.
Schulstart – wenn Auffälligkeiten immer deutlicher werden

Mit der Einschulung wurden die Unterschiede im Vergleich zu den anderen Kindern noch klarer. Während viele Kinder voller Neugier Buchstaben malten, kleine Wörter entzifferten oder stolz ihren Namen schrieben, blieb unser Kind zurückhaltend und blockierte völlig, sobald es um Buchstaben oder Lesen ging.
Schon in der 1. Klasse fiel auf:
- Das Kind konnte sich Buchstaben nur sehr schwer merken.
- Wörter wurden beim Vorlesen geraten statt entziffert, Texte wurden auswendig gelernt.
- Abschreiben von der Tafel war eine große Hürde – die Buchstaben „sprangen“ auf dem Papier.
Trotz des eigentlich sanfteren norwegischen Schulsystems tat sich das Kind schwer, in der Schule anzukommen, und begann sogar, die Schule zu verweigern. Gespräche mit den Lehrkräften, in denen wir unsere Beobachtungen schilderten, wurden oft belächelt. Das Mantra lautete: „Dem Kind Zeit lassen!“
Wir merkten jedoch deutlich: Das reicht nicht. Dieses ständige Abwarten führte in eine Richtung, die unserem Kind schadete.
Unsere Konsequenz – ein Schulwechsel
Wir entschieden uns schließlich für einen Schulwechsel – auf die einzige für uns passende Alternative: eine Privatschule eines kirchlichen Trägers, die Fagerhaug Schule.
Ab den Weihnachtsferien besuchte unser Kind dort die Schule – und sofort war eine spürbare Erleichterung da. Es ging wieder gern zur Schule, fühlte sich angenommen und wurde individuell gefördert.
Besonders hilfreich war die kleine Klassengröße: Die Klasse bestand aus insgesamt nur 9 Kindern und war eine Doppelklasse (1. und 2. Klasse zusammen). Diese Rahmenbedingungen waren ideal, damit unser Kind langsam Vertrauen in die Schule zurückgewinnen konnte.
Holpriger Diagnosestart in Norwegen
Die neue Schule nahm unsere Beobachtungen und Bedenken ernst. Lehrer*innen unterstützten unser Kind gezielt und meldeten es bereits in der 2. Klasse beim schulpsychologischen Dienst der Kommune an.
Es folgten unzählige Formulare, Fragebögen und Gespräche. Doch diesmal lebten wir in einer anderen Kommune als bei der Legasthenie-Diagnose von Kind Nr. 2. Und dort galten ganz andere Regeln:
👉 In der Kommune Stjørdal war eine Diagnose erst ab der 4. Klasse möglich.
Das war für uns ein Schock. Wir hatten eindeutige Hinweise, Lehrer*innen bestätigten unsere Beobachtungen – und trotzdem mussten wir offiziell zwei weitere Jahre warten, bis eine Diagnostik starten durfte.
Das führte zu einer absurden Situation:
Wir wussten durch Kind Nr. 2 längst, dass es Legasthenie ist.
Lehrer*innen förderten bereits gezielt – aber ohne offizielle Diagnose.
Zurück in Deutschland und noch mehr Steine im Weg der Legasthenie Diagnostik

Im Dezember 2018 ging es für uns zurück nach Deutschland. Unser Kind ging nun in die 3. Klasse. Wir wollten einen sanften Übergang ermöglichen und entschieden uns für die Waldorfschule – rückblickend ein großer Fehler.
Dort wurde kaum auf die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben geachtet. Förderung fand nicht wirklich statt. Für eine Diagnostik mussten wir kämpfen: Anträge wurden verschlampt, Fristen verpasst, Verfahren verschleppt. Die von uns eingeforderte Diagnostik verzögerte sich immer weiter.
Corona verschärfte die Situation zusätzlich. So dauerte es bis zur 6. Klasse, bis die Legasthenie-Diagnostik endlich startete – diesmal direkt durch die leitende Schulpsychologin des Landesschulamts.
Das Ergebnis war eindeutig: eine schwere Legasthenie. Zu diesem Zeitpunkt konnte unser Kind nicht funktional lesen und schreiben.
Überraschendes Testergebnis

Zur Diagnostik gehörte auch ein Intelligenztest. Das Ergebnis war sehr heterogen: teils normale Werte, teils deutlich unterdurchschnittliche – vor allem im Bereich Arbeitsgedächtnis.
Die Schulpsychologin empfahl ein zusätzliches Gutachten zum sonderpädagogischen Förderbedarf, das wir beantragten. Wieder bedeutete das unzählige Tests, Formulare und Gespräche. Doch inzwischen waren wir geübt im Umgang mit diesem bürokratischen Marathon.
Da wir keine Zukunft an der Waldorfschule sahen, kündigten wir den Schulvertrag, hätten wir nicht gekündigt hätte die Schule wohl gekündigt, wir waren zu unbequem.
Als einzige Alternative stand im Prinzip nur das Förderschulzentrum zur Wahl. Die Diagnostik Lehrerin und die Schulleiterin wählten eine für das Kind passende Klasse, auch wenn das eine Wiederholung der sechsten Klasse bedeutete, was sich als goldrichtig herausstellte. Denn sowohl die Klassenzusammensetzung passte, wie auch eine Menge Schulstoff fehlte der nun aufgeholt werden konnte, wie auch das Glück einer wunderbaren engagierten Klassenlehrerin dem Kind zu Gute kam.
Belastung für das Kind
Die Jahre des Wartens und Kämpfens waren für unser Kind eine enorme Belastung.
In der Schule fühlte es sich ständig „zu langsam“ oder „nicht gut genug“.
Hausaufgaben wurden zu einer täglichen Zerreißprobe.
Vergleiche mit Mitschüler*innen nagten am Selbstwert.
Das Schlimmste: Mitschüler sagten Sätze wie „Du bist dumm“ – Worte, die tiefe Spuren hinterließen, was zu Mobbing und psychischen Problemen beim Kind führten, welche in Therapien bis heute bearbeitet werden müssen.
Für uns Eltern war es schwer zu ertragen. Wir wussten, dass unser Kind intelligent und kreativ ist, doch das Schulsystem, das stark auf Lesen und Schreiben fixiert ist, ließ wenig Raum für diese Stärken.
Norwegen vs. Deutschland – unser Vergleich
Rückblickend war der Unterschied deutlich:
Norwegen:
- Kleine Klassen, individuelle Förderung, digitale Hilfsmittel selbstverständlich.
Aber: starre Regeln je nach Kommune (Diagnose erst ab 4. Klasse).
- Deutschland:Gründliche Testungen mit umfassenden Gutachten.
- Bürokratie, verschleppte Anträge, Corona als zusätzliche Bremse.
- Große Unterschiede je nach Schule und Lehrkraft.
Unser Fazit: In Norwegen war die Förderung alltagsnäher und praxisorientierter, in Deutschland war die Diagnostik gründlicher, aber schwerer zugänglich.
Fazit – Durchhalten lohnt sich

Der Weg zur Legasthenie-Diagnose bei Kind Nr. 3 war steinig, frustrierend und voller Umwege. Aber er hat uns gezeigt: Bauchgefühl, Durchhaltevermögen und die richtige Unterstützung machen den Unterschied.
Heute wissen wir: Eine Diagnose ist kein Makel, sondern eine Chance – weil sie Türen zu Förderung, Verständnis und neuen Perspektiven öffnet.
